Dienstag, 6. November 2012

Sie fragte vorsichtig und bestimmt zugleich, ob sie den Hund mal streicheln dürfe.
Als sie sein Fell berührte füllten sich ihre Augen mit Tränen.

Noch zwei Minuten zuvor hatte sie aus dieser Welt flüchten wollen. Es war ihr zuviel. Wie so oft. Die Menschen, die Männer, die sie mit ihren begierigen Blicken anstarrten, konnte sie nicht ertragen.
Sie konnte nicht ertragen, was sie dachten und sie wusste genau was sie dachten. Ihr besonderes Gespür für Stimmungen und Energien war zwar ein großes Geschenk, jedoch auch eine wahre Herausforderung im Alltag. Sie konnte weder die versuchte sexuelle Bindung mancher Männer ignorieren, und sei es nur das Eindringen in ihr Sein durch Phantasien noch den Hass, die Hässlichkeit und die blanke Lebenswut und -unlust mancher Menschen, denen sie rein zufällig, begegnete. Jeder dieser Begegnungen war eine neue Herausforderung für sie standhaft zu bleiben und ihr Sein nicht mit den fremden Energien zu mischen.

Früher als sie noch nichts von ihrer besonderen Gabe und Energien wusste, wunderte sie sich oft über ihr Empfinden. Sie empfand großen Ekel und großen Hass sich und anderen gegenüber verbunden mit dem Gefühl in der Öffentlichkeit oder unter bestimmten Menschen unrein zu werden... heute weiß sie was mit ihr vorgeht: Der Geist, die Gedanken, die Energien, die Phantasien und jede Stimmung floriert genauso frei im Raum wie alle sichtbaren Gesten und Bewegungen.
Heute weiß sie auch wie wichtig es daher ist sich geschlossen zu halten. Bewusst ihre Chakren zu schließen. Ihren Geist auf eine andere Ebene zu heben, so dass er sicher vor Verwirrung und Verschmutzung ist.
Sie versucht deshalb in solchen Situationen über ähnlich triviale, oberflächliche Dinge nachzudenken wie die meisten Menschen um sie herum. Dabei interessiert sie ihr Aussehen gar nicht, auch nicht ihr Gewicht, ihr Einkommen, ihre Wochenendplanung oder ihre nächste Mahlzeit. All das ist für sie so unbedeutend wie für manch anderen das Gras auf der Wiese. Dieses hingegen ist für sie sehr bedeutend. Es ist Schönheit. Es ist real (realer als die Bewertung des eigenen Aussehens..) . Es ist vollkommen.

Sie denkt ungern über die Zukunft nach. Dann müsste sie sich mit der Vergangenheit beschäftigen. Sie ist lieber im Hier und Jetzt. Da ist ihr auch das Gras auf den Wiesen der rechte Begleiter. Sie sieht es und fühlt sich wohl. In diesem Blick, in diesem Moment, ist kein Platz mehr für Sorgen. Sie genießt. Doch nicht immer kann sie genießen. Nicht jeden Moment kann sie auskosten, denn es liegt etwas Unausgesprochenes in ihr. Laute Schreie der Wut. Bittere Tränen der Enttäuschung. Flehen vor Angst und Verzweiflung.  Die Vergangenheit holt sie ein. Spätestens in der Gegenwart. So lange bis auch die vielen kleinen Momente der Gegenwart wieder ein großes Stück Vergangenheit geworden sind.

Und sie irgendwann zurückblickt und feststellt, dass sie sich die Gegenwart die ganze Zeit über anders vorgestellt hatte und sie zwar die ganze Zeit nicht über die Zukunft nachgedacht hatte, aber von ihr geträumt hatte und ihre Träume so weit von dem entfernt sind, was ihr beim Blick in die Vergangenheit hässlich entgegenlacht.

Wo ist sie gewesen?
Die Illusion zerspringt in genau diesem Moment. Ihre Wangen, ihr Bauch, ihre Arme beginnen zu zittern. Sie weint.

Sie hatte es sich anders ausgemalt, sie dachte anders über die Wirklichkeit, ihre Wirklichkeit. Aber nun, wo sich Vergangenheit und Zukunft die Hand reichten, sah sie wie ihre Wirklichkeit wirklich aussah. Sie konnte sie nicht länger leugnen, wo sie war.

Weg. Sie hatte sich verlaufen.

Sie war zu einer guten, einer wirklich sehr guten Statistin, ihres eigenen Lebens geworden. Sie stellte sich die ganze Zeit über vor wie es wäre einmal die Hauptrolle zu spielen. Sie genoss es zuzusehen und nur gelegentlich auf die Bühne zu treten. Solange sie der Hauptrolle zusah fühlte sie sich eins mit ihr. Ein phantasiertes Abbild ihrer Selbst war diese Hauptrolle gewesen. Sie genoss die Illusion selbst in die Rolle schlüpfen zu können, wenn sie nur wollte.
Bis sie an diesem Tage feststellte, dass weder ihre phantasierte Hauptrolle existierte noch sie je dieses Theaterstück gesehen hatte.. ihre ganze Vorstellung davon, wie ihr Leben sei, war ein Konjunktiv. So hätte es gewesen sein können, aber so war es nicht gewesen. Sie hatte sich viel erträumt, wenig erlebt und nun war es an der Zeit endlich aufzuwachen.

Sie war mal wieder geflüchtet vor ihrem eigenen Leben. Plötzlich wurden ihr all die zahlreichen Abbrüche des letzten Jahres und so viel, das nur in ihrer Phantasie exisitierte bewusst und sie sah stattdessen deutlich einen Strudel aus Angst und Leere, der in den Abgründ führte, vor sich. Ihre Phasen der Euphorie und ihre psychotischen Schübe stiegen wie Nebelschwaden in die Luft. Hatte sie darunter nicht bemerken können, was hier eigentlich vorging?

In dem Moment, wo das weiche Fell des Hundes ihre Finger berührte, fühlte sie sich wieder mit ihrem Leben verbunden und kurz darauf folgte das Entsetzen - wie es schon wieder und sie schwört sich, dass es das letzte Mal sein würde -  so weit kommen konnte, dass sie bereits aus dem Leben getreten war und sich selbst nur noch zusah.

Was bleibt ist die Angst.
Zukunft macht Angst.
Träume machen Angst.
Wünsche machen Angst.
Denn sie wecken Erwartung.
Sie fragen nach Vergangenheit und Zukunft.

Sie kann kaum fassen, was sie gesehen hat und während sie diese Bilder, diese Wahrheit, der ganzen letzten Zeit vor Augen hat, wird ihr schwindlig. Für einen kurzen Augenblick wünscht sie sich wieder blind zu sein, einzuschlafen, sich der Illusion hinzugeben, um der Angst zu entkommen und der Möglichkeit endlich die Hauptrolle zu SEIN. Es würde sich einfacher anfühlen und sie mit Sicherheit zerstören.

Denn wenn sie wieder zusehen würde, so würde in der Zeit auch ihr Leben stehen bleiben. Bis es irgendwann zu spät wäre, um nochmal aufzuwachen.

Sie möchte sich aus der Vergangenheit lösen und über ihre Zukunft selbst bestimmten.
Die Angst ist etwas Gutes, denkt sie plötzlich. Sie spricht die Wahrheit direkt aus: die gefährliche Versuchung der Illusion zu verhindern! Die Angst hilft achtsam und vorsichtig zu sein, wenn es drauf ankommt. Um hierzubleiben.

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